Herbert Wagner
Facharzt für Frauenheilkunde
und Geburtshilfe
Eisenbahnstr. 52
50189 Elsdorf
Tel.: 02274 7927

 

 

 

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Nabelschnurbluteinlagerung

Viele Schwangere sind verunsichert, ob Sie für Ihr Kind Wesentliches versäumen, wenn Sie die Gelegenheit zur Aufbewahrung des frischen Nabelschnurblutes unmittelbar nach der Entbindung nicht nutzen. Unternehmer mit rein kommerziellem Interesse nutzen solche Ängste und propagieren die extrem teure Lagerung unter Hinweis auf mögliche Vorteile.

Im Deutschen Ärzteblatt (Nr.99, Heft 19 vom 10.05.02, Seite A-1276) wird zu dieser Problematik Stellung genommen:

Autologes Nabelschnurblut: Luxusvorsorge für Utopisten
Die Wahrscheinlichkeit der Nutzung eines prophylaktisch kryokonservierten Nabelschnurblutes im Kindesalter ist gering – und eventuell nur zweite Wahl.

Die Frage bekommen Ärzte mittlerweile häufiger gestellt: Ist es sinnvoll, bei der Geburt unseres Kindes das Nabelschnurblut für den Eigengebrauch einfrieren zu lassen? Zumindest zwei Firmen – „Cryo-Care“ in Köln und „Vita 34“ in Leipzig – bieten in Deutschland den Service für Preise zwischen 1 300 und 3 300 Euro an, je nachdem, ob man die Zellen 20 Jahre oder 99 Jahre in den Stickstofftanks der Unternehmen einlagern will.
Und auf den ersten Blick erscheint die Idee reizvoll: Nabelschnurblut enthält Stammzellen, die ansonsten mit der Plazenta weggeworfen würden. Schon seit Mitte der 90er-Jahre sammeln einige Blutbanken diese Stammzellen, um sie für Transplantationen aufzubereiten. Doch diese Spende ist für die Eltern kostenlos, die Proben werden anonymisiert und stehen dann über ein Netzwerk allen potenziellen Empfängern zur Verfügung. Mehrere Tausend Transplantationen von fremdem Nabelschnurblut haben bereits weltweit stattgefunden.

Gesundheitsvorsorge oder doch eher eine Geschäftsidee?
Der Service, den die Firmen anbieten, hat mit diesem altruistischen Spendersystem nichts zu tun. Sie frieren die Zellen zur Eigenverwendung nur für das Kind weg, von dem Nabelschnur und Plazenta stammten. Das sei eine „Gesundheitsvorsorge“ für Eltern, die „sicherlich alles Erdenkliche tun [möchten], um ihrem Kind den bestmöglichen Start ins Leben zu ermöglichen“, schreibt Cryo-Care.
Die Geschäftsidee verknüpft die leicht auszulösende Sorge der Eltern mit der Fantasie, die sich um Stammzellen rankt. Doch wie gut sind die Aussichten, dass ein Kind seine Zellen jemals braucht? Jene Spezialisten, die seit zwei Jahrzehnten vor allem Leukämiepatienten mit Stammzellen aus Blut und Knochenmark behandeln, wiegeln ab. „Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind seine Zellen jemals selbst brauchen wird, ist so klein, dass es sich nicht lohnt, sie für den Eigenbedarf wegzufrieren“, sagt Prof. Anthony Ho von der Universität Heidelberg. Auch sein US-Kollege Prof. Edward Ball von der University of California in San Diego würde dazu nur ausnahmsweise raten, beispielsweise, wenn in einer Familie bereits Leukämien aufgetreten sind.
Die Skepsis der Transplanteure gegenüber autologem Nabelschnurblut hat zwei Gründe. Zum einen ist das Risiko, dass ein Kind an einer Leukämie erkrankt, die dann mit einer Stammzelltransplantation behandelt werden muss, sehr klein. Die Österreichische Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie hat beispielsweise errechnet, dass die „Wahrscheinlichkeit der Nutzung eines prophylaktisch kryokonservierten Nabelschnurblutes im Kindesalter in der Größenordnung von 1 : 15 000 liegt“.
Selbst für ein Kind mit Leukämie wäre eine Transplantation der eigenen Stammzellen nur zweite Wahl, sofern sich ein geeigneter Fremdspender findet. „Die Heilungsraten liegen zehn bis 15 Prozent schlechter, wenn man eigene statt fremder Zellen verwendet“, sagt Ho. Zudem muss man damit rechnen, dass zumindest bei der häufigsten Leukämie-Variante von Kindern, der Akuten Lymphoblastischen Leukämie, schon zum Zeitpunkt der Geburt Vorläufer der späteren Tumorzellen im Blut der Kinder zu finden sind (Lancet 1999; 354: 1499). Das eigene Nabelschnurblut würde dann ein hohes Rückfallrisiko bedeuten.
Doch da gibt es eben noch die Hoffnung auf zukünftige Therapien. Bezeichnend ist, dass auch einige Fachleute durchaus an das Potenzial der Nabelschnurstammzellen glauben. Beispielsweise die Stammzellforscherin Dr. Anna Wobus vom Institut für Pflanzengenetik in Gatersleben: Embryonale Stammzellen, deren Erforschung der Bundestag deutschen Wissenschaftlern vorletzte Woche endgültig erlaubt hat, seien weit von einer Anwendung entfernt, sagt sie. Doch bei Nabelschnurstammzellen fällt ihre Einschätzung optimistischer aus. Wobus: „Ich würde die Zellen für mein eigenes Kind wegfrieren lassen, wenn ich in der Situation wäre.“
Auch Prof. Donald Orlic, der an den Nationalen Gesundheitsinstituten der USA Stammzelltherapien gegen Herzinfarkt erforscht, hält die Idee, Nabelschnurblut zur Eigenverwendung zu konservieren, nicht für völlig unsinnig: „Wer weiß, was in zehn oder 20 Jahren mit Stammzellen aus Nabelschnurblut oder Knochenmark medizinisch möglich sein wird“, sagt Orlic.
Natürlich können auch die beiden Stammzellforscher keine Prognose geben, wozu die Zellen einmal taugen könnten. Es scheint durchaus möglich, dass sich einige Typen „adulter Stammzellen“ irgendwann einmal für Therapien nutzen lassen. Auf einem gemeinsam von der Universität Heidelberg und der University of California in
San Diego veranstalteten Stammzell-Kongress verdichteten sich die Hinweise, dass zumindest ein Typ adulter Stammzellen ausgesprochen wandlungsfähig zu sein scheint: „mesenchymale Stammzellen“, die sich aus Knochenmark, aber auch aus Nabelschnurblut gewinnen lassen. Schon länger haben Forscher die Vermutung, dass diese Zellen pluripotent sind, also in der Lage, sich in ganz verschiedene Gewebe des Körpers zu entwickeln.
Einen direkten Beleg für diese Fähigkeit lieferte in Heidelberg Graca Almeida-Porada von der University of Nevada in Reno (USA). Ihre Gruppe hatte aus menschlichem Knochenmark mesenchymale Zellen gewonnen und dann über 3 800 der Zellen einzeln in jeweils ein eigenes, kleines Kulturgefäß sortiert. 24 Zellen überlebten die Prozedur und begannen sich zu vermehren. Die Nachkommen von acht dieser 24 Zellen haben die Forscher dann in Föten von Schafen injiziert. Nach der Geburt der Tiere fand die Gruppe, dass sich in zwei Tieren Nachkommen der menschlichen Zellen zu Blut-, Leber- und Hautzellen entwickelt hatten, weitere Gewebe untersucht die Gruppe noch. „Das legt nahe, dass mesenchymale Stammzellen tatsächlich pluripotent sind“, sagt Almeida-Porada.
Klinische Studie mit mesenchymalen Stammzellen
Für diese Zellen spricht auch, was Dr. Allan Smith vom US-Biotechnologieunternehmen Osiris in Heidelberg vorstellte: Danach scheinen mesenchymale Stammzellen auch bei allogener Transplantation keine Abstoßungsreaktion auszulösen. Smith hofft, vorgefertigte Stammzellpräparate entwickeln zu können, die es unnötig machen, für jeden Patienten eigene Stammzellen zu entnehmen. Das Unternehmen bereitet eine klinische Studie vor, die überprüfen soll, ob mesenchymale Zellen Meniskusschäden im Knie reparieren können. „Wenn die Behörden zustimmen, wollen wir in drei Monaten beginnen“, sagt Smith.
Doch kennzeichnend ist, dass diese Versuche nicht auf autologen Nabelschnurzellen, sondern auf allogenen Stammzellen aus dem Knochenmark beruhen. Und das wird auf Jahrzehnte hinaus so bleiben, weil Herzinfarkt, Parkinson, Diabetes mellitus Typ 1 und andere Krankheiten, die auf der Liste der Stammzellforscher stehen, eine Gemeinsamkeit haben: Von den Betroffenen wird auf Jahrzehnte hinaus keiner eigene Nabelschnurzellen haben.
Alleine diese Tatsache sorgt dafür, dass Forscher, die heute nach Stammzelltherapien suchen, gezwungen sind, sich auf andere Zellquellen zu konzentrieren.

Diese Logik macht es noch unwahrscheinlicher, dass sich die Investition in eigene Nabelschnurstammzellen lohnt: Wer daran glaubt, dass es tatsächlich in absehbarer Zeit Stammzelltherapien geben sollte, muss auch davon ausgehen, dass diese Therapien nicht auf eigenes Nabelschnurblut angewiesen sein werden. Sonst wären sie für fast alle Patienten nutzlos.

 

© Herbert Wagner, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe,
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